Was die Tulpe erzählt

Hört was die Tulpe erzählt von Leben und Tod
«Gestern noch stand ich in deinem Garten,» sagte sie mir. «Ich freute mich des Lebens, war verbunden mit meiner Quelle und machte meinen Kelch weit auf wenn die Sonne schien. Abends dann, wenn es dunkel und kalt wurde schloss ich mich gegen die Umwelt ab. Diese Bewegung vollführte ich jeden Tag, es war das Natürlichste von der Welt für mich, ich bin so gestrickt. Doch dann hast du mich abgeschnitten, und jetzt stehe ich hier in deiner Vase und tue so, als ob ich nichts gemerkt hätte. Ich mache die selben Bewegungen weiter, als ob nichts geschehen wäre, gehe morgends auf und abends zu\dots obwohl ich eigentlich schon tot bin. Denn was ist der Tod anderes, als von der Quelle deines Lebens abgeschnitten zu sein, getrennt von dem was dich speist. Damit meine ich nicht ein paar Tage Dürre, wenn mal nicht so viel Nährstoff durch das Wasser mich erreicht, nein, ich meine das was Gestern geschah. Ein glatter Schnitt, vollkommen getrennt von der Wurzel, die meine Blüten gelb fräbte. Ich war nämlich Teil eines Kreislaufs, des Kreislaufs des Lebens, der mich erhielt. Sonne, Wind, Wasser, Erde und ich - wir waren Eins. Und nun bin ich tot und mache weiter wie bisher. Ich dürfte eingentlich gar nichts mehr tun, müsste mich hinlegen und aus Protest alle Blütenblätter abwerfen, aber du hast mich in eine Vase gestellt, mit Wasser, und so öffne ich meine Blätter so weit, wie ich sie noch nie zuvor geöffnet hatte, wenn du mich in die Sonne stellst, weil ich glaube irgendwie muss doch diese Energie meinen Stiel hinunter zur Wurzel gelangen können, aber wie sehr ich mich auch öffne, es ist vorbei. Aus und vorbei! Ich bin tot und weiß es nicht. Heute nacht mache ich meinen Kelch zu, und morgen früh vielleicht noch einmal auf, was soll ich sonst tun? Es nützt nichts aufzugeben und zu protestieren, was geschehen ist ist geschehen. Nur dies, es ist das Natürlichste von der Welt für mich, und so sterbe ich wie ich gelebt habe.»
So sprach die Tulpe an meinem Geburtstag zu mir, und ich lernte viel an diesem Tag

Wer bin ich?

- das war die Frage in der Predigt, die bei mir hängen blieb. Der GD war viel zu lang, aber die Frage hat es in sich. Oder, wie die junge Frau, die die Predigt hielt es formulierte:
«Was bleibt von mir, wenn ich die Arbeit, oder die Familie, oder das woran ich meine Identität festmache, verliere?»
Oder , wenn ich noch weiter gehe und frage:
«Was bleibt von mir, wenn ich Demenz habe? Wenn ich mich an nichts erinnere und die Verwandten und Freunde sich fragen, wo ist der Wahido geblieben, den ich mal gekannt habe. Oder war es anders herum? Haben sie den Wahido, den Menschen unter allem Anerzogenen, überhaupt nicht gekannt, ja, nicht eimnal erahnt? Was blieb von Pops, der jetzt im Pflegeheim liegt und vor sich hin döst, scheinbar ohne sich dessen bewusst zu sein? Er war immer sehr gütig, geduldig und hilfsbereit. Eine Seele von einem Menschen - ist ihm das geblieben? Wir wissen es nicht, weil er sich nicht mehr mitteilen kann. Ist ihm sein Wissensdurst geblieben, seine Freude daran, anderen Menschen Wissen zu vermitteln? Keine Ahnung, aber seine Interessen scheinen grundsätzlich verschwunden zu sein. Wenn überhaupt interessiert ihn möglicherweise nur eines: wieder nach Hause zu kommen, wieder gesund zu werden. Was bleibt mir wenn alles was mir im Laufe des Lebens anerzogen wurde abbröckelt? Meine Angst, meine Freude? Mein Sinn für Humor? Meine Gefühle? Oder ist das auch alles anerzogen? Was bleibt? Nichts? Ist das was Johannes vom Kreuz „die dunkle Nacht der Seele“ nennt? Das große schwarze Loch, in das ich hineinfalle, wenn ich zum Kern meines Wesens vordringe, das Nichts? Dann ist also dieses Nichts mein eigentliches Wesen, das „Ebenbild Gottes“ von dem die Pastorin in ihrer viel zu intelektuellen Predigt sprach.»
Ich mag diesen Gedanken: Ich bin ein Tropfen, in einer Pfütze nach dem Sommerregen. Meine kurze Existenz auf dieser Erde lebe ich zusammen mit den anderen Tropfen und denke, dass meine Errungenschaften so viel Bedeutung haben. Mein Erfolg im Studium, mein Berufsleben, meine Familie, mein Beitrag zum Wohle der anderen Tropfen, die die Pfütze mit mir teilen. Und dann saugt die Hitze des Tages meine Form unweigerlich auf. Ich vergehe in der Mittagssonne der Zeit und verdunste in die Luft der Jahrhunderte, als ob ich nie gewesen wäre. Aber ich bin ja nicht fort, ich ändere nur meine Form und werde versammelt mit anderen verdunsteten Tropfen aus allen möglichen Welten; aus Flüssen, Ozeanen, Seen, versammelt im Himmel der großen Wolke. Die regnet sich irgendwann ab und ich bin jetzt in einem Fluss, fließe mit unglaublichem Tempo dem Meer entgegen. Ahhh, das Meer! Die Bestimmung aller Tropfen! Ich gehe ein und vereine mich mit dem Meer und spüre:
«Jetzt weiß ich endlich, wer ich bin - nicht nur ein Tropfen, sondern das Meer selbst, denn das ganze große Meer besteht nur aus Tropfen, und ist doch das Meer!»
Aber die Reise geht noch weiter. Wenn ich einmal Tropfen war und jetzt erkannt habe, dass ich das Meer selbst bin, dann kann ich diese Erkenntnis nur haben weil ich in Wahrheit Wasser bin, und damit bin ich in allem was lebt! Pflanzen, Tiere, Menschen, alles besteht zum größten Teil aus Wasser. Ich bin das Leben. Und ich kann niemals vergehen. Vielleicht ist das ja mein Wesen, fernab von allem was mich nach außen hin auszumachen scheint. Ja, diesen Gedanken mag ich. Der nimmt mir den Druck etwas leisten zu müssen, etwas sein zu müssen. Dabei habe ich eine ganz eigene Art und Weise, wie ich die Dinge tue. So lebt Gott in mir in dieser Welt, ohne etwas zu sein.
08. September 2013

Der Himmelhund

- ein geistiger Begleiter
Die Bäume im Buchenwald von Volkenroda schaukeln leise im Wind. Ich war noch nie in so einem großen Buchenwald, und nun bin ich hier auch noch bei solch einem Sturm. Ja, man muss es wohl Sturm nennen, denn der Wind peitscht über das weite Thüringer Land ohne Rücksicht auf Verluste. Hier im Wald ist es nicht so schlimm wie auf dem offenen Feld, man hört nur die einzelnen Windstöße und sieht hier und dort dieses eigenartige Wiegen der Bäume. Sie schwankten von einer Seite auf die andere. Es kommt dabei gar nicht auf den Umfang der Stämme an, vielmehr auf die «Einflugschneise» des Windes. Ein irres Licht herrscht durch das für einen Buchenwald relativ dichte Laubwerk, und die ganze Situation ist mit einer mystischen Schönheit bedeckt, so dass ich des öfteren stehen beibe und den Moment in mich aufnehme.
Ich nehme alles wahr, was um mich herum geschieht, wie in einem Zustand erhöhter Aufmerksamkeit. Rechts und links neben dem Weg hat sich durch die starken Regenfälle der letzten Tage Wasser angesammelt und es ist fast als ginge ich über eine Brücke, die durch den ganzen Wald läuft. Wieder bleibe ich stehen und schaue dem Wiegen der Bäume zu. Es hat etwas hypnotisches zu sehen, wie sie in unterschiedlichen Richtungen aber doch irgendwie im gleichen Rythmus sich bewegen. An der Kurve, wo ein Veteranendenkmal steht drehe ich mich um und schaue mir die ganze Szene noch einmal von allen Seiten an. Die Schwere der wiegenden Bäume durchdringt mich und ich fühle mich geerdet, eins mit der Natur. Ich beschließe noch weiter zu gehen, obwohl es nach mehr Regen aussieht. Langsam schreite ich über den leicht erhöhten Pfad und staune über die Mengen an Wasser, die sich rechts und links vom Weg stauen und teilweise tief hinten im Wald sich zwischen den Bäumen verlaufen. Ich komme an einem Jägerstand vorbei und schaue, ob ich dort vielleicht hinaufklettern kann. Ich sage mir, «wenn es da einen Sitz gibt, dann setze ich mich hin.» Da ist ein Sitz im Jägerstand, aber ich komme nicht hinauf, weil mich die Wasser von der Leiter trennen. Also gehe ich weiter, noch eine Kurve kommt auf mich zu. Hier ist der Weg zu Ende. Er hört einfach auf. Ich höre durch den Wald Schafe blöken und beschließe den Rückweg anzutreten. Ganz langsam gehe ich wieder zurück auf dem selben Weg, den ich gekommen bin. Immer noch bleibe ich oft stehen und nehme ganz bewusst die Umgebung in mich auf. Da! Rechts von mir etwa hundert Meter in den Wald hinein sehe ich eine Espe, auch Zitterpappel genannt, die sich auf irre Art und Weise im Wind bewegt. Es sieht aus als ob ich unter Wasser in der Karibik ein Korallenrief beobachte, auf dem die Algen in der Strömung des Meeres sich wiegen. Ich gehe weiter und atme tief die wunderbare Waldluft ein. Auf einmal merke ich, dass ich eine ganze Weile überhaupt keine Gedanken gehabt habe. Ich war nur einfach vollkommen da. Ich bleibe wieder stehen, horche auf, und drehe mich suchend nach rechts. Ich habe nichts gehört, es ist eine scheinbar grundlose Reaktion. Da bemerke ich aus den Augenwinkeln etwas wie eine Bewegung; nein, das ist nicht richtig. An diesem Punkt wird es schwierig das Erlebte in Worte zu fassen. Ich habe nichts gehört, nichts bemerkt, aber da ist etwas, das ich nicht bestimmen kann. Meine Wahrnehmung dehnt sich aus auf das was nicht im Feld der Sinne liegt. Es kommt mir vor als habe ich etwas gesehen, aber es ist nicht sichtbar. Dies alles geschieht im Bruchteil einer Sekunde. Ich drehe mich nach hinten und da steht er. Ein großer, noch junger, aber voll ausgewachsener Schäferhund. Steht einfach da und schaut mich an, als ob er überrascht sei, dass ich ihn bemerkt habe, oder dass ich überhaupt stehen geblieben bin. Meine rein natürliche Reaktion ist Furcht. Ich denke: «Was wenn er mich jetzt anfällt, was wenn er hinter mir her war? Ich darf ihn keine Angst spüren lassen, sonst fühlt er meine Angst und wird agressiv.» Aber meine Gedanken bringen mich nicht dazu wirklich Furcht zu empfinden. Ich werde vollkommen abgelenkt von dem Ausdruck in seinen Augen. Er sieht einfach nur neugierig und erstaunt aus. Als ob er nicht damit gerechnet hätte entdeckt zu werden. Ich sage: «Na du?» - mir fällt nichts besseres ein. Er wedelt freundlich mit dem Schwanz, senkt den Kopf und kommt an meine Seite. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund streichele ich ihn nur ganz sanft. Dann gehe ich weiter, und der Hund läuft neben mir her, als ob er schon immer zu mir gehört hätte. Wir gehen zusammen bis zu dem Heldendenkmal. Da bleibe ich stehen. Er sieht mich an. Ich denke, was ist wenn er jetzt mit mir läuft bis ich zu Hause bin? Da sage ich: «Ich kann dich aber nicht mit nach Hause nehmen.» Da läuft er auf einmal weiter und lässt mich stehen, dreht sich zur Seite weg und verschwindet im Wald.

22. September 2013

Die Wahlen heute entscheiden im Grunde gar nichts. Wirkliche Veränderungen kommen in unserem öko-demokratischen System nie von den regierenden Parteien, wer auch immer sie seien, denn die sind ja gerade daran interessiert, dass alles so bleibt wie es ist. Die regieren! Denen geht es doch gut! Entscheidende, wirkliche Veränderungen sind immer nur von unten nach oben geschehen, Volksbewegungen! Als die Mauer fiel hatte sich die Bevölkerung in den Kirchen versammelt und begann friedlich zu protestieren. Und der Anfang dieser ganzen Bewegung war noch früher, die Volksbewegung Solidarnosc - in Danzig, Polen, als die Gewerkschaft im Danziger Hafen Proteste einleitete, die dann zwar erst unterbunden wurden, aber später doch zu Gorbachov's Politik der "Perestroika" und "Glasnost" führte. Fast ein Jahrzehnt dauerte es nach diesem Anfang, dann fiel die Mauer, das alles ging vom Volk aus. Genauso wie damals in der Kaiserzeit Bismark die Sozialgesetze einführte, nur um die erstarkende Masse der Arbeiter in Schach zu halten und die sich organisierenden Massen ruhig zu halten. Alle wirkliche Veränderung geht vom Volk aus, aber die Parteien, die sich heute wählen lassen, gehören leider nicht mehr zum Volk. Sie sind eine Schicht für sich geworden und trauen sich nicht, die Bevölkerung wirklich zu vertreten - gegen die Interessen der internationalen Wirtschaft, Industrie und Großkapital zu handeln. So ist auch die Nato nichts weiter als der Polizeiarm dieser Wirtschaftsinteressen der internationalen Industrie geworden; dies nur am Rande. Und also ist die Wahl heute eigentlich sinnlos, aber ich habe trotzdem gewählt. Man macht ja einfach so mit, auch wenn man weiß dass es nichts bringt. Morgen gehen dann die "Koalitionsgespräche" los und dann wird uns irgendeine "farbige" Verbindung vorgesetzt, für die kein Mensch gestimmt hat. Rot-rot-grün, oder schwarz-rot, oder schwarz gelb, oder was auch immer. Und die geben dann vor mich in Berlin zu repräsentieren. Nein Danke! MICH vertreten die nicht. Auch die, für die ich gestimmt habe würden mich nicht vertreten, selbst wenn sie regieren könnten, was nicht realistisch ist. Das ist mir ganz bewusst. Und ich glaube das geht ganz vielen Menschen so, und deshalb ist die Wahlbeteiligung so niedrig wie nie zuvor. Und die Wähler stimmen immer wieder für dieselben Leute. "Uns geht es doch gut" sagt Fr. Merkel. Na dann Prost-Mahlzeit.

Kann ich die Welt verändern?

Meine Schwester meint, das sei ihr zu schwer. Aber ist es das? Müsste ich nicht vielmehr fragen:«Kann ich umhin die Welt zu verändern?» Ist nicht schon meine bloße Gegenwart eine Veränderung der Welt? Wenn ich dem Kind aufhelfe, das im Bücherladen in Middelbrug gefallen war, oder der Frau die ein Veere die Böschung nicht hinauf schaffe helfe, verändere ich nicht zumindest dann deren Welt? Mache ich sie für diese 2 Personen nicht für einen kurzen Augenblick zu einem leichteren, freundlicheren Ort? Und da hört es ja nicht auf. ALLES was ich tue verändert die Welt! Jede Muschel, die ich aus Breezand mitnehme liegt hinterher in meinem Wohnzimmmer, also an einem anderen Ort. Dies ist allein schon rein physikalisch eine deutliche und wenn auch kleine so immerhin doch beweisbare Veränderung, die durch mich hervorgerufenn wurde. Alles was ich berühre, verändere ich durch die Berührung. Jedesmal wenn ich sauber mache, koche, musiziere, Wein trinke, esse oder meditiere verändere ich etwas in der Welt. Also ist die Welt anders als sie wäre, wenn es mich nicht gäbe. Ja, ich verändere die Welt, nicht immer zum Guten, aber auch nicht immer zum Schlechten. Ich kann nur hoffen, dass die Spur der Verwüstung, die ich zurücklasse auf meinem Weg durch die Höhen und Tiefen des Lebens nicht zu groß ist und dass die Spur des Guten sie zumindest ein wenig ausgleicht.
30. August 2015